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Freitag, Januar 10, 2014

Entfremdete Verfremdung?


Nach Brecht muss die Theateraufführung die Prozedur des Verfremdens durchlaufen. Sein episches Theater sollte die kritische Denkfähigkeit, den rationalen Verstand schärfen, um der (Bühnen-)Illusion zu entgehen. In Ablehnung der aristotelischen Katharsis geht es bei Brecht nicht um Einfühlung, Erleben oder um exakt so etwas wie Reinigung, sondern um die Ermächtigung des Zuschauers zu eigenständiger Ideologiekritik.
Brechts Theorie zur Verfremdung schließt allerdings so, wie sie ist, zu viel aus. Der Zuschauer ist auch empfänglich für subtilere Impulse. Am empfänglichsten ist er, wenn er, gut unterhalten, im dramatischen roten Faden und in der Liveness der Theateraufführung so weit versinken kann, dass er sich selbst, sein eigenes Leben, seine eigenen Probleme vergessen kann. Jetzt ist er offen für etwas Anderes. Zum Beispiel für das Problem der Demenz oder der Flüchtlingsthematik, die etwa auf der Bühne präsentiert werden. Solche Diskurse, mit unterhaltendem Erzähl/Showtheater verbunden, dringen viel tiefer in den Zuschauer ein, als es die reine Behauptung der Ratio könnte. Wenn wir jetzt jedoch die epischen Bühnenmittel der Verfremdung so geschickt nutzen, dass sie die karthatische Intensität der Aufführung unterstützen, dann erhalten wir ein synthetisches, brodelndes Substrat der eigentlichen Ideen, die dahinter und dazwischen die Szenerie beherrschen.
Die des Gefühls, der sinnlichen Erfahrung entfremdete Verfremdung, eingebunden in so etwas wie Theater als Ereignis und Geschichte, wird in entsprechender Synthesis ihre Erfüllung finden können.
Der frühe Brecht hat selbst durchaus so inszeniert.

Sonntag, Dezember 15, 2013

Die Twittertheaterwoche


Erst war ich skeptisch: Twittertheaterwoche. Was soll das bringen? Ich bekämpfte diesen unnötigen Reflex erfolgreich damit, das ich mich daran erinnerte, neulich überlegt zu haben, man müsse doch mal was mit Twitter und Theater machen. Also gut: Das wird bestimmt was Besonderes, dachte ich. Und ich wurde gewiss nicht enttäuscht. Nachdem ich das Thaliatheaterangebot mehr oder weniger verpasst habe, bin ich erst mit dem Schauspielhaus Bochum eingestiegen. Interessant: die Mischung aus Aufführungsnews und Zitaten aus dem Stück, dazu entspannte Twittergespräche und diverse Vernetzungen mit Theatern oder Theatermachern, das hat was richtig Großes und Spannendes. Besonders berührend aus Bochum war das Portrait des Schauspielhausnachtwächters und Suhrkampautors Wolfgang Welt, der gute Buchkritiken bekam, aber nicht vom Schreiben leben kann. So kann's gehen! Die virtuell präsentierte Bühnenwelt rockte auch in den folgenden, gleichsam berauschenden Tagen das Twitterhaus.
Da darf man sich dann manchmal auch sehr freuen, wenn man von Nachtkritik favorisiert oder retweeted wird oder Gespräche mit den Theatern selbst führen kann. Oder auch über die schönen Kontakte mit einfachen Theaterleuten. Diese Schrankenlosigkeit ist vor Allem für Leute wie mich, die aus gesundheitlichen Gründen auf Theaterbesuche weitestgehend verzichten müssen, sehr erfrischend und unterhaltend.
Als Abschluss am Freitag gab es Berichte von einer Aufführung von Jean Pauls Flegeljahren aus dem Münchener Residenztheater. Schön eingeleitet durch ein Interview mit Regisseur Albert Ostermeier, wurden Spielfreude und Textwitz durch die Tweets aus München bühnenlebensnah transportiert.
Man kann nur an die Theater appellieren und wird damit vermutlich offene Türen einrennen, das Medium Twitter auch im Theateralltag häufiger so schön zu nutzen. Ja, die Twittertheaterwoche, das war ein RIESENDING!