Das heutige Theater erzeugt Sinn für die Gesellschaft, in der theatralen Abbildung der Wirklichkeit werden Kritiken, Untersuchungen, Geschichten und Ästhetisierungen oder Spiele möglich, die in der Lage sind, Empfindungen, Wahrnehmung, Denken und Verhalten der Zuschauenden in Frage zu stellen oder gar, das alte Lied, diese Dinge zu verändern. Im Theater bekommen wir die Chance, spielerisch Perspektiven zu wechseln oder Illusionen niederzureißen, was unglaublich wichtig ist, da dazu kaum Jemand von sich aus fähig ist. Im Gegensatz zur Literatur oder zum Film besticht das Theater durch seine wirkliche Existenz, es ist ein sichtbar gemachter, fiktiver, dreidimensionaler Raum. Diese Existenz steigert die Intensität der Erfahrung dadurch, dass die Zuschauer die Wirklichkeit und ihre Natur als Traumbild so besser begreifen können. Doch diese Traummaschine kann noch weit mehr, als die Realität als Fiktion begreifen zu lassen. Wir lernen, die Wirklichkeit und ihre Diskurse durch spezielle Ästhetiken und Show, Unterhaltung, besser zu verstehen. Das Theater nimmt uns die Angst vor dem Ausgeliefertsein des Unwissenden, es reißt uns den Schleier von den Augen, gibt uns die, wenn auch geringe, Freiheit, alles selbst sehen zu können. Die Mythologien aller Zeiten hatten denselben Zweck. Theater ist Ordnungsfunktion, Erklärungsmaschine.
Um diese Erklärungsmaschine sein zu können, müssen Theatermacher bestimmte Eigenschaften haben: Diese Leute sind heute interdisziplinär gebildet und geschult in szenischem Denken. Darüber hinaus beweisen Viele die Fähigkeit, sich den Konflikten, Problemen, Kriegen dieser Welt oder dem Leiden als pars pro toto dafür, brutal auszusetzen. Das erfordert eine abgehärtete Psyche und unendlich viel das, was vielleicht hier als emphatisches Bewusstsein stehen kann. Dazu hilft es, zu wissen, das alles, das wir erleiden etwas Menschliches ist. Das Theater weiß das. Es weiß alles über den Menschen und wie er ist oder sein könnte. Was er aushalten kann. Oder eben nicht. Auch daraus entsteht die Moral des Theaters. Aber das Theater und die, die es schaffen, wissen, dass das Leben ein Fest ist, das gefeiert werden muss. Es ist schließlich aus dem Dionysoskult entstanden, aus Fruchtbarkeitsriten. Das sollten wir nie vergessen. Also: Party on!
Posts mit dem Label Zuschauer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Zuschauer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, August 03, 2015
was das Theater ist und was es kann
Labels:
Ästhetik,
Diskurse,
Katharsis,
Kontemplation,
Liveness,
Menschsein,
Mitgefühl,
Moral,
Mythomotorik,
Mythos,
Show,
Synthesis,
Theater,
Verfremdungseffekt,
virtuell,
Wahrnehmung,
Zuschauer
Dienstag, Februar 25, 2014
Theater und Mythos
Ebene Kosmos/Götter/Mythos II
Die Aufgabe, eine eigene Mythologie zu schöpfen, die sich an die Erkenntnisse der letzten zwei Jahrhunderte aus Physik und Astronomie anpasst, ist nicht klein.
Der Mensch hat sich immer gefragt, woher die Menschen kommen, was sie hier machen und wohin sie gehen. Die meisten Mythologien sind auf diesen Fragen aufgebaut.
In früheren Zeiten versuchte man durch das Starren in den Sternenhimmel, durch das Deuten von Eingeweiden oder durch religiöse Rituale, mitunter in Höhlen oder inmitten von Steinkreisen, der Faszination der ewigen Fragen näherzukommen.
Später wanderte der Mythos aus Religion und Spiritualität aus und in die KUNST ein. Gerade im Theater ist das evident. Zunächst sind die Anfänge des Theaters in der griechischen Tragödie fast immer auf die alten Mythen bezogen, die erst auf der Agora, dann im Dionysostheater mithilfe menschlicher Darstellung eine eigene Dinghaftigkeit entwickeln konnten.
Die deutschen Klassiker, uA Schiller, Kleist, Goethe, führten in ihrer Griechenlandverliebtheit diese Tradition fort. Auch die Tradition des Mysterienspiels seit dem Mittelalter reproduzierte, meist christliche, Mythen. Goethes Faust meistert diesen Komplex für die Epoche der Aufklärung. Auch und gerade Wagner ist Epigone und Neugestalter alter Mythen im Theater.
Das heutige Theater benutzt die alten Blaupausen für Ausdeutungen der Gegenwart und schafft so neue, relevante Kontexte. Dazu nimmt es die modernen Mythen, wie Filme, Romane, Kunstwerke und nutzt diese Dinge für die Zwecke der Inszenierung. Und es schafft, die neuen Antworten auf die alten Fragen zu untersuchen und, spielerisch, unterhaltend dem Zuschauer zu vermitteln.
Für eine neue Mythologie im alten Sinn, können wir Figuren erschaffen, Menschen und Götter, die die alten Fragen im modernen Sinn interpretierend, doch vA dazu da sind, dem Zuschauer zu gefallen. Da kann man richtig schöne Sachen mit machen.
Die Aufgabe, eine eigene Mythologie zu schöpfen, die sich an die Erkenntnisse der letzten zwei Jahrhunderte aus Physik und Astronomie anpasst, ist nicht klein.
Der Mensch hat sich immer gefragt, woher die Menschen kommen, was sie hier machen und wohin sie gehen. Die meisten Mythologien sind auf diesen Fragen aufgebaut.
In früheren Zeiten versuchte man durch das Starren in den Sternenhimmel, durch das Deuten von Eingeweiden oder durch religiöse Rituale, mitunter in Höhlen oder inmitten von Steinkreisen, der Faszination der ewigen Fragen näherzukommen.
Später wanderte der Mythos aus Religion und Spiritualität aus und in die KUNST ein. Gerade im Theater ist das evident. Zunächst sind die Anfänge des Theaters in der griechischen Tragödie fast immer auf die alten Mythen bezogen, die erst auf der Agora, dann im Dionysostheater mithilfe menschlicher Darstellung eine eigene Dinghaftigkeit entwickeln konnten.
Die deutschen Klassiker, uA Schiller, Kleist, Goethe, führten in ihrer Griechenlandverliebtheit diese Tradition fort. Auch die Tradition des Mysterienspiels seit dem Mittelalter reproduzierte, meist christliche, Mythen. Goethes Faust meistert diesen Komplex für die Epoche der Aufklärung. Auch und gerade Wagner ist Epigone und Neugestalter alter Mythen im Theater.
Das heutige Theater benutzt die alten Blaupausen für Ausdeutungen der Gegenwart und schafft so neue, relevante Kontexte. Dazu nimmt es die modernen Mythen, wie Filme, Romane, Kunstwerke und nutzt diese Dinge für die Zwecke der Inszenierung. Und es schafft, die neuen Antworten auf die alten Fragen zu untersuchen und, spielerisch, unterhaltend dem Zuschauer zu vermitteln.
Für eine neue Mythologie im alten Sinn, können wir Figuren erschaffen, Menschen und Götter, die die alten Fragen im modernen Sinn interpretierend, doch vA dazu da sind, dem Zuschauer zu gefallen. Da kann man richtig schöne Sachen mit machen.
Labels:
Astronomie,
Darstellung,
Dionysostheater,
ewige Fragen,
Faust,
griechische Tragödie,
Höhlen,
Klassiker,
Kosmos,
Mythologie,
Physik,
Steinkreise,
Sternenhimmel,
Theater,
Ursprünge,
Wagner,
Zuschauer
Freitag, Januar 10, 2014
Entfremdete Verfremdung?
Nach Brecht muss die Theateraufführung die Prozedur des Verfremdens durchlaufen. Sein episches Theater sollte die kritische Denkfähigkeit, den rationalen Verstand schärfen, um der (Bühnen-)Illusion zu entgehen. In Ablehnung der aristotelischen Katharsis geht es bei Brecht nicht um Einfühlung, Erleben oder um exakt so etwas wie Reinigung, sondern um die Ermächtigung des Zuschauers zu eigenständiger Ideologiekritik.
Brechts Theorie zur Verfremdung schließt allerdings so, wie sie ist, zu viel aus. Der Zuschauer ist auch empfänglich für subtilere Impulse. Am empfänglichsten ist er, wenn er, gut unterhalten, im dramatischen roten Faden und in der Liveness der Theateraufführung so weit versinken kann, dass er sich selbst, sein eigenes Leben, seine eigenen Probleme vergessen kann. Jetzt ist er offen für etwas Anderes. Zum Beispiel für das Problem der Demenz oder der Flüchtlingsthematik, die etwa auf der Bühne präsentiert werden. Solche Diskurse, mit unterhaltendem Erzähl/Showtheater verbunden, dringen viel tiefer in den Zuschauer ein, als es die reine Behauptung der Ratio könnte. Wenn wir jetzt jedoch die epischen Bühnenmittel der Verfremdung so geschickt nutzen, dass sie die karthatische Intensität der Aufführung unterstützen, dann erhalten wir ein synthetisches, brodelndes Substrat der eigentlichen Ideen, die dahinter und dazwischen die Szenerie beherrschen.
Die des Gefühls, der sinnlichen Erfahrung entfremdete Verfremdung, eingebunden in so etwas wie Theater als Ereignis und Geschichte, wird in entsprechender Synthesis ihre Erfüllung finden können.
Der frühe Brecht hat selbst durchaus so inszeniert.
Labels:
Aufführung,
Bühne,
Diskurstheorie,
Episches Theater,
Erzähltheater,
Gegenwartstheater,
Ideologiekritik,
Katharsis,
Liveness,
Ratio,
Show,
Synthesis,
Theater,
Verfremdungseffekt,
Zuschauer
Montag, November 18, 2013
Der Michel rennt aus der Hütte
Der
Bedeutungskomplex der Reduktion, erlaubt, in Bezug auf die Bühne
angewandt, größere Möglichkeiten der Darstellung:
Zum
Beispiel eine Szene, die unerträgliche Spannung hervorruft durch extreme
Reduktion der Zeichen und des Tempos: das ist so, als wenn Sie aus einem durchschnittlichen Wohnzimmer Fernseher, Laptop, Handy und Stereoanlage entfernen und dem jeweiligen Michel darin sagen, er möge nicht durchdrehen, sondern nur ruhig sitzen und an die Wand starren. Nach spätestens einer Stunde wird der aus der Hütte rennen.
Oder: Jede Darstellung,
die aus Reduktion einen ästhetischen, intellektuellen und atmosphärischen
Mehrwert gewinnt, wie auch immer /nur mit den Augen reden/mit den Füßen
greifen/nur mit dem Mund ausdrücken/mit Maske/reduzierte Sprache/reduzierte Musik,
reduzierter Klang, Gang, Blick, Körper, Kopf, reduzierte Mimik, Moral,
Wirklichkeit, etc.
Auch: Die Reduktion der Sinneswahrnehmung nimmt
dem vom heutigen Leben extremstens sinnesgestressten Zuschauer mit in ein
anderes Land. Es ist das Reich der Langsamkeit, des Schweigenden, des
(fast) leeren Raums. Fragmente aus Sein, Schatten, Träume beleben dieses
Land, hin zum Ausgangspunkt des noch nicht Denkenden, nur Wahrnehmenden. Im Idealfall schreitet der Zuschauer geistig durch eine Theaterwelt aus reduzierten Zeichen, die ihn gleichsam vom Wahrnehmungsmüll entrümpelt und ihm dafür etwas bietet, das er sonst nicht bekommt.
Bleibt nur die Frage, was man tun muss, damit der Zuschauer sich darauf einlässt. Und eben nicht schreiend rausrennt.
Abonnieren
Posts (Atom)