Dienstag, November 04, 2014

Träume reiten

Der irreale Mensch, der, den der Autor erfunden hat, irrealisiert sich durch die Seiten. So irreal wie die Stille, die über den Träumen der Leser liegt, die der Autor verbrochen hat, Nämlich gar nicht irreal, sondern in der Tiefe wirklich, ja wirklicher als Außeneindrücke, wahrgenommene Linseneindrücke. Im Licht des Imaginären lebt anderländische Welt, irreal nur die gedankenlosen Träume, die, die wir nicht weiter verfolgen. Die linearen Ketten im Text abgelegter Wörter
werden von uns nicht gesprengt. Nichts ist wirklicher als Buchstaben, Buchstaben, die Träume reiten wie Dressurpferde.

Samstag, September 27, 2014

Du sollst nicht lesen!

Es gibt Leute, die selbst nicht lesen, nie gelesen haben. Die wollen mitunter bei Schreibenden mit Gewalt das Gebot: Du sollst nicht lesen! durchsetzen.

Man stelle sich vor, warum die das so machen:
Lesen ist was für Kinder, ist Flucht vor dem Leben. Und so'n selbsternannter Schriftsteller, nebenbei, das ist nichts anständiges, der muss nur schreiben, wenn der morgens lesen will, das ist zu früh, wenn der nachmittags lesen will, noch dazu auf der Couch, dann müssen wir uns schämen, denn: wo bleibt denn da die Disziplin. Und wenn der abends lesen will, dann schläft der ein. Lesen macht nur wirr, man denkt dann nicht mehr an uns, Lesen ist schädlich. Und dann noch Romane. Gut, er schreibt Romane, aber Romane lesen ist schädlich. Zwanzig Minuten gönnen wir ihm, wenn er länger liest, kriegt er wieder dieses Arschgefühl. Wenn der einen Klassiker liest, versteht der mit uns bestimmt kein Wort. Obwohl er sowas studiert hat. Hahaha! Bei uns wird er sich nie konzentrieren können, solange lenken wir ihn ab, dass ihm die Ohren klingen und er entnervt das Buch auf den Boden knallt. Wenn er dann nicht aufgibt, kriegt er Krämpfe. Wir haben das so beschlossen. Und wir ziehen das jahrelang durch, ohne, dass der das wirklich versteht. Scheiß Bildungsbürger! Der hat nix richtiges gelernt und dafür machen wir den zur Sau. Hinterher wird der noch intelligenter: Das darf auf keinen Fall passieren! Wo bleiben wir denn sonst? Wenn der liest, kann der mit uns alles machen. Also: Einfach Daumen drauf und gut ist's! Hahahahaha ...

Mir grauset es ...

Donnerstag, September 25, 2014

Eigentlich

Eigentlich habe ich Ihnen nichts zu sagen. Nein, eigentlich nicht. Wissen Sie, nicht das ich Ihnen nicht unbedingt was erzählen wollte, nein, das nicht. Bestimmt nicht. Ich hätte Ihnen einiges zu sagen, da können Sie davon ausgehen. Sogar nicht nur einiges. Nein, sondern sehr viel. So viel, das können Sie sich gar nicht vorstellen, nicht. Aber schon viel. Mehr als Sie glauben. Ich könnte Ihnen sagen, was ich unbedingt noch sagen wollte. Das würde ich wirklich gerne tun. Ich hätte so viel zu erzählen. So viel. Doch ich schweige lieber. Obwohl, lieber nicht. Aber ich tu’s. Vom Weltschmerz könnte ich Ihnen erzählen, vom Verlust des Sinns oder der menschlichen Bedingung, zu leben und zu sterben, zu leben und zu sterben, nichts weiter als das, sterben. Und vorher leben. So lange, wie möglich. Dem Knochenmann ins dreckige Gesicht lachen und leben. Ja leben. Leben. Und den anderen helfen, nicht nur, wenn ihre Schreie zu laut werden, nicht nur, wenn man dazu gezwungen ist. Mitgefühl zeigen. Und traurig sein, dass alle Deine Freunde sterben werden, sterben müssen. Wenn das nicht gesagt werden kann, kann gar nichts gesagt werden. Ja und frei sein. Freiheit, wie wichtig die is‘. Das würde ich unbedingt noch feststellen müssen, das würde ich feststellen, behaupten, herausschreien wollen. Unbedingt. Aber eigentlich geht das nicht. Nein, leider nicht. Wissen Sie, ich habe geschworen, nichts zu sagen. Ich fließe über vor dem, was ich noch unbedingt sagen wollte. Allein, es geht nicht. Weil ich nicht darf. Ich darf einfach nicht. Ich darf nichts sagen. NICHTS. Verstehen Sie das?

Freitag, Mai 30, 2014

darstellung von körperkämpfen

Menschliche Körper neigen oft dazu, Kämpfe mit anderen Körpern anzufangen. Ob bewusst oder unbewusst, ständig wandern Impulse hin und her, bauen sich Spannungen auf oder ab, wird mit Blicken um Territorien gerungen, mit Gesten Macht betoniert oder mit Energien Dominanz aufgebaut. Daraus entsteht ein ungeheurer Stress, ein ständig brodelnder Körper verbrennt irgendwann. Im Normalfall ist dieser Stress schlimm genug, doch bis zum Burnout ist es ein weiter Weg. Was passiert jetzt mit Menschen, die eine Behinderung haben, die so minderbelastbar sind, dass die diese Körperkämpfe nicht aushalten können? Ganz einfach, diese Menschen leben in Gesellschaft in ständiger Überlastung. Ich spreche von Spastikern, Dystonikern, Parkinsonerkrankten.
Diese Körperkämpfe im Theater darzustellen, hochqualifizierte Schauspielerkörper die Verrenkungen, Kontrollverluste, Verkrampfungen spielen zu lassen, auch die psychologischen Folgen dieser Körperkämpfe und der Geschichten drumherum sichtbar machen, scheint mir gesellschaftliche Pflicht des Theaters als aufklärerischer Instanz zu sein. Ähnliche Fähigkeiten hat kein anderes Medium. Höchstens der Film. Wenn das Theater es schafft, die Problemfelder von Bewegungsgestörten so zu vermitteln, dass dadurch ein Problembewusstsein zumindest in Teilen der Gesellschaft entsteht, wäre Vielen geholfen. Zudem könnte daraus eine wunderbare Choreografie entstehen, tolles Theater, dass begeistert.

Donnerstag, April 17, 2014

Echte Osterhasen grasen das Feld ab

Na, ja, Ostern ist für mich die Möglichkeit, mich einmal im Jahr auf der Basis einer Religionskritik mit dramatischen Mitteln auch den Binnendiskursen der christlichen Religion zu nähern. Die daraus entstehenden Texte sollen Ausgangspunkt einer gleichsam tiefensymbolischen, theatralen Kritik der christlichen Problem-KOMPLEXE sein (ganz, ganz grob in die Richtung von Großmeister Castellucci), vllt. gespiegelt durch eine Umdeutung ins Politisch Sakrale. Also, grasen wir das christliche Feld für das Theater ab, in diesen Tagen, da der Christen mythische Macht am Zenit ihrer erzählerischen und bildhaften Wirkmächtigkeit steht, zu Ostern und beschäftigen wir uns damit, christliche Bedeutungskomplexe wie Angst/Strafe/Sünde/Schuld/Kontrolle/ Macht/ Panoptismus/Psychose an dieser mythischen Macht, der christlichen Texte, ex negativo genau so zu vermessen, dass das Korrelat aus Mythos und Komplex, auf der Bühne, diese Komplexe selbst sichtbar macht, aufbricht und, vllt., politisch umdeuten kann.